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Der eigene Weg

Ein Film von Jürg Gautschi

2013, Dokumentarfilm (59')
SRF

"Pierre Favre ist 75, Bruno Spoerri 78 Jahre alt, respektive 75 und 78 Jahre jung. Das hat mich tief beeindruckt. Sie haben es geschafft, ihre Leidenschaft und ihre Neugierde zu bewahren und sind so in Bewegung geblieben. Die Gespräche mit ihnen haben mich sehr beschenkt. Wer den eigenen Weg geht, hat viel zu erzählen." (Jürg Gautschi)


Die neue Musik aus Übersee begeistert und inspiriert schon um 1920 Musiker in der Schweiz. Von den ersten Jazzschritten hierzulande bis zu den neusten Entwicklungen erzählt die neue SRF Fernsehreihe die bewegte Geschichte des «Jazz in der Schweiz». Die drei Folgen dokumentieren auch, wie seit Anbeginn Formationen aus der Schweiz internationale Erfolge feiern, in Paris, Berlin, New York bis Acapulco. «Jazz in der Schweiz» ist in enger Zusammenarbeit mit der Jazzredaktion von Radio SRF 2 Kultur entstanden.

Die Schweiz hat den Jazz zwar nicht erfunden; aber es ist der Genfer Dirigent Ernest Ansermet, der die komische schwarze Musik aus den USA als erster ernst nimmt. «Diese Musik wird die Welt erobern», schreibt er 1919 in der Revue Romande nach dem Besuch eines Jazzkonzerts. Nur ein Jahr später erscheint die erste jazzähnliche Schweizer Platte. Ausgerechnet eine Ländlergruppe nimmt sie auf: Die Bauernkapelle Meyer und Zwahlen spielt „Elli Greens Rag“.

Teil 1: Vom Tanzstück zum Kunststück (Regie: Barbara Seiler
Jazz trifft den Geist der Zeit. Die Menschen strömen in die Städte. Das Leben wird schneller. Die Menschen wollen leben. Sich amüsieren. Tanzen. Hier setzt die erste Folge der Jazz-Reihe ein – unter dem Titel «Vom Tanzstück zum Kunststück». Swingboys und Swinggirls nennen sich die Jazzanhänger. Der grösste Hit der dreissiger Jahre heisst «Goody Goody» von den Original Teddies. 700 000 Mal verkauft sich diese Schallplatte, soviel wie keine Platte vorher. Der Schweizer Bandleader Teddy Stauffer hat nicht nur den längsten Dirigentenstab, er ist auch der Star der wilden Berliner Nächte der dreissiger Jahre.
Doch die Geschichte des Schweizer Jazz ist nicht nur eitel Sonnenschein: Musikern und Fans schlägt immer wieder Unverständnis und Ablehnung entgegen. Der Bauernverband fordert ein Jazzverbot am Mittag. Radio Beromünster will während dem Zweiten Weltkrieg Jazz gleich ganz verbieten. Und als der Bebop die arrivierte Jazzszene aufmischt, wenden sich die «Alten» sogar gegen die «Neuen».

Teil 2: Der eigene Weg (Regie: Jürg Gautschi)
Jazzmusiker in der Schweiz orientieren sich Ende der 50er und in den 60er Jahren an den grossen amerikanischen Vorbildern: Bud Powell, Dizzy Gillespie und natürlich Miles Davis. Jazzschulen gibt es noch nicht; man organisiert sich Platten der grossen Musiker, hört sie am Radio. Wer es sich leisten kann, reist nach Paris, der damaligen Metropole des Jazz in Europa.
Wer sich einen Namen machen will als Jazzmusiker, muss sich von Vorbildern lösen und einen persönlichen Stil entwickeln. Davon handelt Folge 2: «Der eigene Weg». George Gruntz beginnt als einer der ersten Jazzmusiker in der Schweiz, Jazz mit Volksmusik oder mit klassischer Musik zu verbinden. Bruno Spoerri findet seinen Weg im Experimentieren mit elektronischen Instrumenten; Irène Schweizer in der freien Improvisation; Pierre Favre im Ausweiten des Schlagzeugs vom Rhythmus- zum Klanginstrument. Ihnen allen dienen Experimentierlust, Neugierde und vor allem Offenheit als innerer Kompass.

Teil 3: Zwischen Aufbruch und Tradition (Regie: Beat Häner)
Anfangs der 80er Jahre beginnt mit PCs, Quarzuhren und CDs das digitale Zeitalter. Schweizer Jazzmusiker nutzen Computer für ihre Musik. Auch in dieser Phase gehört Bruno Spoerri zu den Pionieren, wie auch Red Twist & Tuned Arrow mit Stephan Wittwer, Fredy Studer und Christy Doran. Die Experimente mit digitalem Sampling verstärkt eine Kontroverse, die in den 80er Jahren erbittert geführt wird: Was ist noch Jazz? Die dritte Folge der Jazz-Reihe steht unter dem Titel «Zwischen Aufbruch und Tradition». Viele Musikerinnen sprengen in diesen Jahren die Grenzen zwischen Jazz, Neuer Musik, Rock und Volksmusik.
Andreas Vollenweider produziert zwei Alben, die in den USA in die Charts kommen – bezeichnenderweise gleichzeitig in den Sparten Jazz, Pop und Klassik. Während die einen den Jazzbegriff ständig erweitern, besinnen sich andere wieder auf die Wurzeln zurück: Mathias Rüegg verwandelt sein Vienna Art Orchestra in den 90er-Jahren in eine swingende Big Band.
Nach einer ersten Retro-Welle stehen in den 90er Jahren neue Aufbrüche an: Schlagzeuger Jojo Mayer entbrennt mit einer Fusion von Jazz und Drum’n’Bass; Daniel Schnyder trägt den Jazz in die klassische Musik; Hans Kennel, einst ein Bebop Pionier, verbindet Jazz mit Neuer Musik und Volksmusik. Und Erika Stucky bewegt sich zwischen Jazz und Pop, zwischen Naturjodel und Experimental-Rock.

Die Pendelbewegungen zwischen Aufbruch und Tradition halten den Jazz lebendig und vielfältig: Jazz, einst als fremde Musik in die Schweiz gekommen, ist wichtiger Bestandteil der Schweizer Musikszene geworden.

«Jazz in der Schweiz» erlebt im Rahmen des Jazzfestival Schaffhausen (22. bis 25. Mai) seine Premiere. Ab Sonntag, 26. Mai, zeigt SRF 1 die dreiteilige Dokreihe in der Sternstunde Musik, jeweils um 23.20 Uhr.

Der eigene Weg
Francois Lindemann
Daniel Humair
Bruno Spoerri
Jerry Dental Kollekdoof
Irene Schweizer, Grande Dame des Free Jazz
Vienna Art Orchestra, 1978
Hans Kennel an der Trompete und Bruno Spoerri
Jerry Dental Kollekdoof, Free Jazz Theater Performance
Christoph Baumann alias Jerry Dental
Franco Ambrosetti
OM in Montreux 1979
Pierre Favre
blue Toni
by moxi